
DIE INSEL HVAR

In den
geheimnissvollen Höhlen dieser Insel kann man noch heutzutage das seltsame,
jahrhundertlange Echo des Kampfes zwischen dem Riesen Polyphem und dem Helden Odysseus
hören. Die jenigen, denen diese Geschichte nicht bekannt ist, werden denken,
dass das nur die geduldigen Tropfen sind, die unermüdlich, fast reumütig
jahrhundertelang die Felsenbrocken in der Finsternis der Höhle rauben. Auf
dieser Insel entdeckt man die Vergangenheit allmählich, und es scheint, dass
sie jedem Gast den jenigen Teil der Geschichte erzählt, für den er seine Seele
vorbereitet und geöffnet hat. Die uralte Insel hatte alles gesehen, erfahren,
ertragen, im Gedächtnis erhalten. Die Geschichte lehrt uns, die lebenswichtigen
Fehler nicht immer zu wiederholen, wenn wir zu ihnen bereit sind. Sie ist die
Lehrerin des Lebens, die wir nicht genug hören, begreifen und respektieren, die
verwirchlickte Gegenwart und begeisterte Zukunft. Insel Hvar ist die
Geschichte. Geschichte, die hier zu Hause ist, in ihrem Geburtshafen, auf ihrer
Insel, und Hvar ist froh und auf sie stolz, Hvar lehrt und lernt. Diese Insel
bewahrt ihre Erinnerungen in jeder Ecke ihres Bodens, in den weisen Erzählungen
ihrer Menschen und in der glänzenden Pracht ihrer Sitten.

Mehr als sieben
tausend Jahren bahnen sich menschliche Beine die Wege auf der Insel. Insel
selbst kann sich nicht so leicht an ihre ersten Einwohner erinnern, sie leben
vielleicht nur in Erinnerung der Höhlen von Polyphem. Illyren, die ersten
bekannten Inselbewohner, wurden um 400 Jahren vor Christi von den griechischen
Seemännern und Kolonisatoren in die Berge vertrieben. Die Inselgruppe Kikladen,
südöstlich vom alten Athen, Insel Paros, die tapferen und mutigen Menschen, die
Schiffe und das Meer. Die erst bekannte Ägäische Küste, dann der Weg ins
Unbekannte durch das Mittelmeer, entlang der ionischen Küste, den Spuren von
Odysseus folgend, bis zum heutigen Hvar. Mir ist nicht bekannt, warum sie sich
genau hier ansiedelten, ich kann nur vermuten, sie waren durch die Schönheit
und die Anziehungskraft dieser Insel bezaubert. Sie hatten ihre alte Heimat mit
einer neuen wechselt, Erinnerungen hatten sie im Namen und in der Überlieferung
erhalten, und in der Einsamkeit des gröβten Feldes hatten sie die Siedlung
Pharos errichtet. Noch von dieser Zeit besteht diese Stadt, heute als Stari
Grad, morgen vielleicht wieder als Faros.

Vor kurzer Zeit
endete die Expedition Faros – Paros – Faros, die sich nach zwei tausend Jahren
mit einem Erinnerungsschiff, das viele Geschänke trug, auf den Weg nach Hause,
nach Griechenland machte. Sie brachte Weinrebe mit, um sie dort zu pflanzen.
Mit dem Willkommensgrüβ von tausenden Booten empfangen, ist das Schiff in
den Hafen eingelaufen, die längst verlorenen Verbindungen wurden erneuert, und
dann ging die Expedition wieder nach Hvar. Die Einwohner von Paros werden bald,
auf den Spuren ihrer Ahnen, zwei Jahrtausende später, in Richtung Stari Grad
abfahren, das auf sie ungeduldig und aufgeregt wartet und das, den Wünschen des
gröβten Teils seiner Einwohner nach, wieder Faros benannt werden sollte.
Obwohl Hvar das slawische und kroatische Kennzeichen trägt, obwohl die heutigen
Einwohner fast keine Spuren der griechischen Ahnen tragen, treibt uns die
angeborene Verehrung der Menschen an, die vor uns hier waren und die für uns
etwas als Pfand lieβen, sich an sie zu erinnern, sie im Gedächtnis zu
behalten und sie dem Vergessen zu entreiβen.

Auβer der
Siedlung Pharos, die unabhängig war, befanden sich auf der Insel die anderen
griechischen Siedlungen, von denen die Siedlung Dimos an der Stelle des
heutigen Hvar die bekannteste war. Der griechischen Zeit folgte die römische
Zeit, und dann die Zeit vor der Ankunft der Slawen, von der wir heute nicht
viel wissen. Im VII. Jh. hatten die Seeräuber Neretljani die Insel besiedelt
und in folgenden 300 Jahren stand die Insel unter ihrer Macht. In dieser Zeit
wurde die Bevölkerung slawisiert und Hvar wurde, seinem Namen, seiner Kultur
und seiner Sprache nach, eine rein kroatische Insel. Nach dem I. Jahrtausend
herrschten hier Byzant, Venedig, Napoleon, Österreich-Ungarn und noch viele
bekannte und weniger bekannte Eroberer, die in der Vergangenheit nach dieser
Insel gierig gegriffen hatten. Stürmische und mehr als reiche Geschichte webte
ein multikulturelles Kennzeichen und die Besonderheit und Schönheit der
Unterschiedlichkeit ins kulturelle Erbe dieser Insel ein.

Insel der
wunderlichen Schönheit und des mediterranen Charmes. Obwohl der Begriff der
Schönheit eine persönliche Frage für jede menschliche Seele ist, gibt es eine
universale, unbestreitbare Reinheit und Vollständigkeit der Schöpfung, vor der
wir stehenbleiben, um sie einzuatmen, um sich vor ihr zu verbeugen, so dass wir
sie wenigstens für einen einzigen Augenblick erringen.

Die jenigen,
die Hvar respektieren, zählen diese Insel zu den zehn schönsten Inseln der
Welt. Wir, die sie lieben und ohne Erlaubnis urteilen, weil das Urteil eines
Richters nicht überzeugend klingen kann, wenn er mit seinem Herzen und nicht
mit dem kalten Verstand urteilt, wir, die mit Hvar leben und dauern, wissen,
dass sie Recht haben. Wie ein groβes Schiff ankert Hvar im Herzen des mitteldalmatischen
Archipels. Von der geschmückten Stadt Hvar im äuβersten Südwesten, mitten
der Inselkette, bis zum weiten, romantischen Sucuraj im Osten, das, nicht so
weit vom Festland, auf die grauen Gipfel von Biokovo und Rilic blickt, führt
eine der längsten Inselstraβen an der Adria. Auf diesem Weg reihen sich
die Szenen der bezaubernden Schönheit aneinander, die in der letzten Zeit von
den zahlreichen Bränden hie und da gekneift, aber nicht zerstört oder in Frage
gestellt wird. Vom Gipfel des hl. Nikolaus, der 626 Meter hoch ist, wacht Hvar
über die Kanäle von Neretva, Korcula, Vis und Hvar. Dem hl. Mikula, der so in
der Sprache der Inselbewohner genannt wird, dem Beschützer der Reisenden und
der Seemänner, hatte Matul Ivanic im 15. Jh. auf dem Berg die Kirche gebaut,
die noch heute hier stolz steht. Das war der gleiche Matija Ivanic, der der
legendäre Führer des Volksaufstandes war, in dem die Gleichheit mit dem Adel
verlangt wurde. Nach dem ganzen Jahrhundert konnten wir endlich erfahren, dass
dem Volk und Matija gelungen ist, dem Adel gleich zu werden.
Insel der
Weinrebe und des Lavendels. Während die Weinrebe auch den anderen adriatischen
Inseln ihren guten Wein geschenkt hatte, wird der Lavendel für eine autochtone,
einheimische, fast endemische Sorte gehalten. Der Duft dieses göttlichen Öls
weckt gleich die Bildnisse der Felsen und der Zimmer in den alten steinernen
Häusern aus unserer Kindheit. Der Lavendel ist das Wesen und die Seele von
Hvar. Der Lavendel ist Hvar.

Das moderne
Hvar ist gröβtenteils aus der langen Tradition der Schifffahrt
herausgewachsen und war immer weniger exponiert und bekannt als sein westlicher
Nachbar, und die namenlosen Helden hatten manchmal mehr als zehn Stunden
gerudert, um die ihren Händen so weite Küste zu erreichen. Heute durchquert man
die Meeresgröβe hedonistisch, idyllisch, träumerisch, und immer weniger,
um um die Existenz zu kämpfen, immer mehr, um die wahre Unverfälschtheit der
Schönheit an unserer Küste zu suchen.

Jede
adriatische Inselwelt gab uns die Individuen, die immer viel begabter und viel
mehr inspiriert als die anderen aus ihrem Milieu waren, und es war nicht
selten, dass sie mit viel Bewunderung, Unverständnis, auch mit dem Lächeln
betrachtet wurden. So wurden auch viele Funken der Kultur unter der Last der
Mehrheit gelöscht, da das Milieu keine Neigung zu irgendwelchen Tätigkeiten
zeigte, von denen es keinen unmittelbaren Nutzen hatte. In der Vergangenheit
war Hvar immer eine Oase der Kultur. Architektur, Theater, sakrale Tradition
und Kultur, Schriftsteller, Dichter und Maler. Diese Insel liegt auf den
Schultern der Bauer und Fischer und wird mit Gröβe und Glanz vieler
erfolgreichen und anerkannten Menschen, die er der Welt geschenkt hatte, vieler
Töchter und Söhne dieser stolzen und ehrlichen Menschen, die um das Brot
kämpfen.

Die Touristen
lieben diese Insel. Sie sagen gerne, dass Hvar ihre Insel ist, um mit ihm
vertraulicher zu sein. Sie kommen immmer zu ihm zurück und werden so, bewusst und
froh, ein Teil des bunten, mehrsprachigen, feierlichen Kolorits, das vom
Frühling bis spät in den Herbst das Bild der Insel verschönert. Das Leben
dauert, heiter und schön, in der sonnigsten Ecke der Adria.